Immer mehr staatliche Lenkung,
und sie beschleunigt sich

Subventionen werden selten beendet, aber immer mehr neue kommen dazu. In jedem Jahrzehnt führt der Bund mehr Subventionen ein als im vorherigen. Die Konsequenz: ein stetig wachsender Bestand an staatlicher Einflussnahme auf immer mehr Wirtschaftsbereiche, ohne dass darüber je demokratisch abgestimmt worden wäre.

Von den heute noch aktiven Subventionen (Bund, EU und Länder) wurden 0 in den zehn Jahrzehnten zwischen 1900 und 1999 eingeführt. Allein in den 2000ern kamen 0 weitere dazu, in den 2010ern noch einmal 0. Die 2020er sind erst zur Hälfte vorbei und liegen bereits auf Rekordkurs.

Warum ist das ein Problem? Jede Subvention verzerrt Preise, bevorzugt bestimmte Akteure gegenüber anderen und ersetzt marktwirtschaftliche Koordination durch politische Zuteilung. Die Nebenwirkungen sind gut erforscht: Mitnahmeeffekte, Verdrängung privater Investitionen, Lobby-Verfestigung, Innovationsbremsen, ungewollte Verteilungswirkung. Zehn dieser Nebenwirkungen im Detail →

Nothing is so permanent as a temporary government program."

Nichts ist so dauerhaft wie ein vorübergehendes Regierungsprogramm."

Milton Friedman
Wirtschaftsnobelpreis 1976

Wie viele der heute aktiven Subventionen wurden wann eingeführt?

Jeder Balken zeigt die Anzahl der heute noch aktiven Subventionen, die in der jeweiligen Dekade eingeführt wurden. Die 2020er dominieren deutlich mit 0 neuen aktiven Subventionen, gefolgt von den 2010ern (0) und den 2000ern (0). Trotzdem laufen auch Einzelposten aus den 1900er bis 1930er Jahren bis heute unverändert weiter.

00011100s10s20s30s40s50s60s70s80s90s00s10s20sNoch aktive Subventionen

„Aber die letzten Jahre waren doch Ausnahmezustand"

Ein naheliegender Einwand: In den letzten zehn Jahren gab es Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise und Inflation gleichzeitig. Natürlich musste der Staat da massiv eingreifen, das erklärt doch die Spitzen und auch die neuen dauerhaften Programme. Der Einwand klingt plausibel, hält aber zwei einfachen Vergleichen nicht stand.

Gegenargument 1 · Frühere Krisen, keine Subventionsflut

Deutschland hatte zwischen 1970 und 2005 genauso ernste wirtschaftliche Schocks und ist ohne exponentielle Subventions-Ausweitung durchgekommen:

  • Ölpreiskrise 1973/74: Im Zuge des OPEC-Embargos ab Oktober 1973 stieg der OPEC-Referenzpreis (Arabian Light) von rund 2,90 US-Dollar je Barrel vor dem Embargo auf 11,65 US-Dollar nach dem OPEC-Beschluss in Wien am 22. Dezember 1973, eine Vervierfachung in rund drei Monaten. Das BIP schrumpft 1974 und 1975, die Arbeitslosigkeit steigt deutlich. Bundeskanzler Helmut Schmidt verzichtet trotzdem bewusst auf breite Industrie-Hilfspakete und setzt auf Geldpolitik und Lohnmoderation. Das Bundes-Subventionsvolumen bleibt in dieser Dekade nahezu konstant.
    Zum Vergleich der aktuelle Ölpreisschock: Seit Beginn des Iran-Krieges Ende Februar 2026 (Angriffe der USA und Israels auf Iran, Tod Chameneis) und der teilweisen Blockade der Straße von Hormus durch die IRGC Ende März 2026 ist Brent von rund 70 USD je Barrel auf zeitweise über 119 USD gestiegen, aktuell (nach der Blockade-Ankündigung von Präsident Trump am 12. April 2026) liegt er um 100-102 USD, ein Anstieg von rund 45 bis 70 Prozent in sechs Wochen. Das ist gravierend, bleibt aber in Geschwindigkeit und Ausmaß deutlich unter der Vervierfachung von 1973/74. Trotzdem laufen in Berlin und Brüssel bereits die Debatten über neue Entlastungs- und Subventionspakete.
  • Zweite Ölkrise und Rezession 1980-1982: Massive Arbeitslosigkeit, Stahl- und Werftenkrise. Die deutschen Stahlhilfen liefen von 1981 bis spätestens 1988 unter dem strikten Beihilfekodex Stahl der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Dieser Kodex schrieb ein festes Enddatum vor, verlangte Vorab-Notifizierung bei der Europäischen Kommission, band jede Zahlung an konkreten Kapazitätsabbau und wurde Phase für Phase abgeschmolzen. So liefen die Programme tatsächlich aus und verschwanden. Die Gesamtsumme der Bundessubventionen wächst in diesen Jahren nur moderat.
  • Tech-Crash und Rezession 2001-2003: Deutschland gilt als „kranker Mann Europas", BIP stagniert oder schrumpft drei Jahre. Die Schröder-Agenda 2010 ist eine Strukturreform, kein Subventionspaket. Das Subventionsvolumen sinkt in diesen Jahren sogar leicht.

Krisen sind kein Naturgesetz, das Subventionsprogramme erzwingt. Es ist eine politische Entscheidung, auf Krisen mit Subventionen zu antworten, und frühere Regierungen haben diese Entscheidung bewusst anders getroffen, oft disziplinierter und mit klaren Ausstiegskriterien. Die Daten für diese Zeiträume stammen aus den Bundessubventionsberichten Nr. 4 (1974) bis Nr. 19 (2003) sowie dem IfW Kiel Subventionsbericht (weite Definition).

Gegenargument 2 · Andere Länder, dieselben Krisen, weniger Staat

Corona, Ukrainekrieg und Energiepreisschock haben ganz Europa getroffen. Der Vergleich mit Ländern, die deutlich zurückhaltender eingegriffen haben, ist entlarvend. Daten: IWF Fiscal Monitor (Oktober 2021, April 2023), OECD Economic Outlook, Eurostat.

LandDirekte Corona-Fiskalhilfen 2020-21BIP-Einbruch 2020Kumul. BIP-Wachstum 2020-2023
Deutschlandca. 15 % des BIP−3,8 %+1,3 %
Schwedenca. 4-5 % des BIP−2,2 %+6,3 %
Schweizca. 4-5 % des BIP−2,1 %+5,5 %
Niederlandeca. 9-10 % des BIP−3,9 %+6,7 %

Schweden und die Schweiz haben mit deutlich kleineren Fiskalpaketen (je etwa ein Drittel des deutschen Volumens) einen geringeren Einbruch und ein deutlich stärkeres Wachstum erzielt. Die Niederlande sind mit etwa zwei Dritteln des deutschen Fiskal-Volumens viel schneller wieder gewachsen.

Beim Energiepreisschock 2022/23 war der Unterschied noch deutlicher. Deutschlands „Doppelwumms" von 200 Mrd. EUR ist in seiner absoluten und relativen Größe europaweit einzigartig. Die Niederlande verabschiedeten ein Paket von rund 23 Mrd. EUR, die Schweiz griff kaum ein, Schweden verzichtete auf breite Verbraucher-Subventionen und finanzierte gezielte Hilfen aus Übergewinnen der Stromnetz-Abgabe. In allen drei Ländern war die Inflation niedriger oder gleich hoch wie in Deutschland, und das Wirtschaftswachstum 2023 und 2024 besser. (Quellen: OECD Energy Policy Reviews 2023, Bruegel „National policies to shield consumers from rising energy prices" laufend aktualisiert, Eurostat HICP und BIP-Reihen.)

Daraus folgt nicht, dass der Staat in Krisen nichts tun soll. Es folgt, dass die Größe und Dauerhaftigkeit der deutschen Antworten eine politische Wahl ist, keine objektive Notwendigkeit. Und dass Länder, die diese Wahl anders treffen, nicht bestraft werden, sie kommen in aller Regel besser durch.

Was noch läuft

Public subsidies are often captured by those who are already privileged, while the truly poor remain unreached."

Staatliche Subventionen werden oft von denen vereinnahmt, die bereits privilegiert sind, während die wirklich Armen nicht erreicht werden."

Amartya Sen · Wirtschaftsnobelpreis 1998 · Development as Freedom, 1999

Quelle: 30. Subventionsbericht des Bundes 2023-2026 (BMF, September 2025). Daten zu ausgelaufenen Subventionen aus dem 29. Subventionsbericht und eigener Recherche (BRH, RWI, FiFo, Bundestag-Drucksachen).